Formen, Farben & die Freude





Was genau ist das, "Freude"?

Ist es dasselbe wie Glück? 

"Happiness"?

Im Duden lesen wir:


Freude

Substantiv, feminin - 1. hochgestimmter Gemütszustand; das Froh- und …2. etwas, was jemanden erfreut

Als Synonyme für Freude werden u.a. angegeben:

Begeisterung, Behagen, Fröhlichkeit, Gefallen, Glück, Heiterkeit, Hochgefühl, Entzücken, Herzensfreude (...) und noch vieles mehr.


Reden wir von Freude, meinen wir ein positives, wohliges, angenehmes Gefühl, das uns gefällt, das uns gut tut. Einen Moment, der uns ein Lächeln ins Gesuch zaubert, uns Herz hüpfen lässt.


Tut uns etwas gut, geht es uns auch gleich besser.


Deshalb gibt es in der "Glücksforschung" ("Happiness") zahlreiche Studien und Ansätze, die  uns Wege zu mehr Wohlbefinden, mehr Gesundheit und somit weniger Unwohlsein, weniger Stress aufzeigen. Mehr freudige Momente führen zu mehr Happiness.


"Achtsamkeit" ist ein solcher Ansatz.

Reden wir über mehr Achtsamkeit, dann meinen wir, dass wir in unseren hektischen, häufig bis in die letzte Sekunde durch getakteten Tagen, an denen wir mit unseren Gedanken häufig an zehn Orten und Terminen gleichzeitig sind, mehr auf den Moment, auf das Hier und Jetzt konzentrieren, fokussieren sollen. 

Wir essen heutzutage häufig, ohne zu schmecken, wir kommunizieren, ohne zu hören, wir sehen, ohne wahrzunehmen, wir sind, ohne zu fühlen, wir schlafen ohne Erholung.


Sind wir achtsamer, nehmen wir wieder eine Geschmacksnuance, ein Geräusch, ein Detail wahr, konzentrieren uns darauf und halten so inne.


Mit dem häufig zitierten "Runterkommen" könnte man es vielleicht vage umschreiben. 

Nicht alles im Eiltempo und mit viel Multitasking, sondern eines nach dem anderen, gemach, gemach.

Das, was uns umgibt, wieder wahrnehmen, mit allen Sinnen.


Und unsere Umgebung ist es auch, die uns ein bestimmtes Grundgefühl vermittelt.

Viele werden zum Beispiel sagen, sie seien im Urlaub grundsätzlich am Meer, weil sie sich dort immer so wohl fühlen. 
Ich zum Beispiel gehöre dazu. Bin ich am Meer, ist ganz automatisch alles ganz anders. 
Ich fühle mich dort wie neu geboren. Es ist ein völlig anderes Lebensgefühl.

Andere empfinden dieses Gefühl in den Bergen und verbringen ihren Urlaub dort.


Ich liebe auch die Berge und genieße einen Aufenthalt dort sehr, bin begeistert und staune in Anbetracht der gewaltigen Naturschönheiten, aber dieses besondere Gefühl der Freude, des Glücks, das ich am Meer habe, habe ich eben nur dort.


Die einen mögen es gerne warm, die anderen genießen moderate bis kühle Temperaturen, um ein Wohlgefühl zu empfinden.


Die einen lieben das satte Grün, andere brauche das Blau des Himmels und des Wassers.


Aber was genau ist es, das uns dieses Wohlgefühl hier oder dort so ganz besonders vermittelt? Das uns Energie gibt, uns glücklich macht, uns FREUDE bereitet?


Ist es vor allem das Gefühl von Urlaub? Müßiggang?


Ingrid Fetell Lee, eine US amerikanische Designerin, hat sich der Frage nach den Dingen,  die uns FREUDE bereiten, von einer Seite genähert, die bislang in den vielen wissenschaftlichen Studien zum Thema "Happiness" eine eher untergeordnete Rolle spielte, nämlich die Frage nach Farbe, Form und Design und die damit verbundene Ästhetik.


Freude wird häufig als eine Art "nettes Beiwerk" betrachtet. Es ist schön, sich zu freuen, aber es ist keine Notwendigkeit. Freude muss man sich quasi "verdienen", es ist der Tage Lohn, das Tüpfelchen auf dem i.


Jedoch zeigen immer mehr Studien, dass wir produktiver, gesünder und widerstandsfähiger sind, wenn wir Freude empfinden. So ist Freude also weniger ein Ergebnis, als eine elementare Grundlage.



Sprechen wir über die Arbeit oder Schule, dürfte nicht allzu vielen als erstes „Freude“ in den Sinn kommen, wenn sie beispielsweise an ihren Schreibtisch, das Führerhaus, den Werkzeugkasten, die Kasse, Mathe oder Latein denken. 
Natürlich gibt es Menschen, denen ihr Job Spaß macht.
Aber auch diese werden in Gedanken an ihre Arbeit vermutlich nicht als erste Assoziation "Freude" nennen.

Tatsächlich ist es aber auch nicht allein das „WAS“, das Freude oder Ablehnung in uns hervor ruft, sondern vor allem auch das „WO“.

Ingrid Fetell Lee hat sich der Frage danach, was uns Freude bereitet, mit den Augen der Designerin gewidmet und Menschen jeden Alters und Geschlechts gefragt, was ihnen Freude bringt.
Welche Farben? Formen? Welche Dinge, die uns im täglichen Leben begegnen können, sind es, die uns Momente der Freude geben? 
Welche Umgebung erfüllt uns mit einem positiven Gefühl, gibt uns wohlige Schauer, strahlende Augen und zaubert uns ein Lächeln ins Gesicht? Diese kleinen freudigen Momente.

Und immer wieder erhielt sie ähnliche Antworten.
Es schien eine Art gemeinsame Formel für die Dinge zu geben, die nahezu alle Menschen Freude zu bereiten schienen.

Es waren die Luftballons, Eiscreme, bunte Pompoms und Feuerwerk, Baumhäuser, Seifenblasen, Regenbogen, Wunderkerzen, Kulleraugen, Sonnenuntergänge und Konfetti, die Freude bereiten und ein wohliges Gefühl in den Menschen entfachen, die die Aufmerksamkeit erregen, den Blick fesseln und Energie und Zuversicht geben.

Ingrid Fetell Lee fand heraus, dass es eine Art Muster zwischen all diesen Dingen gab. 
Es waren vor allem runde und geometrische Formen und leuchtende Farben, die Fülle und Vielzahl von bestimmten Dingen und ein Gefühl von Leichtigkeit, das Dinge vermittelten.

Gut, werden jetzt einige denken, das überrascht nicht besonders.

Doch was Ingrid Fetell Lee darüber hinaus heraus fand und das sie seitdem mit der Welt teilt, ist die Erkenntnis, dass es nicht allein einen engen Zusammenhang zwischen unserer physischen Umwelt und der Freude gibt, sondern dass unsere Umwelt auch eine fundamentale Quelle für unsere Energie und unsere Gesundheit sein kann. 
Ein Motivator, ein Treibstoff und ein Nährboden für unser Glück, unsere Gesundheit und Leistungsfähigkeit.

Denken wir den Gedanken weiter, werden wir feststellen, dass gerade Orte, an denen unsere Aufmerksamkeit, Energie und Motivation besonders gefragt sein dürfte, nämlich Verwaltungsgebäude, Büros und vor allem Schulen, sehr häufig das genaue Gegenteil von bunten Seifenblasen, Ballons und Konfetti sind.

Auffallend viele Schulen sind in ihrer Architektur und Innenraum-Gestaltung eher grau, trist und nüchtern. Schulhöfe. Verwaltungsgebäude. Sogar Krankenhäuser. Auch Wohnhäuser sind meistens grau und blass. Unsere Straßen sind grau asphaltiert, Fußböden häufig blass und langweilig.



Fußgängerwege, Fotos: ich 

Überall umgibt uns vor allem eine Mischung aus Grau, Beige und Braun. Funktionalität, Effizienz und niedrige Kosten stehen zumeist im Fokus, geht es um den Bau eines Gebäudes oder einer Straße. 
Der Faktor "Freude" dürfte selten in einem Exposé oder Bauplan zu finden sein.

Und noch etwas fand sie heraus.
Wenn wir klein sind, spielt Farbe noch eine deutlich größere Rolle. Spielzeuge, Kleidung, Klettergerüste und vieles mehr, das für Kinder gedacht ist, ist farbenfroh. 
Ein in bunte Farben gekleidetes Kind ist normal.
Und je älter wir werden, desto weniger erlauben wir uns und anderen Farben, zuweilen verurteilen wir Menschen, die sich beispielsweise in farbenfrohe Kleidung hüllen oder bunte Tattoos tragen.

Erwachsene, die aufrichtige Freude in diesem Sinn demonstrieren, gelten in unseren Augen zuweilen als kindisch, weibisch, maßlos oder unseriös.

Tatsächlich ist Farbe aber ein elementarer Bestandteil unserer Natur, ein Zeichen von Leben. Schauen wir in die Natur, entdecken wir Farbe und Formen, die uns begeistern. Kirschblüten, Magnolienbäume, Pfirsiche, Äpfel.

Bei Studien in fünf Ländern fand man heraus, dass eine farbige Umwelt uns ein größeres Gefühl von Sicherheit vermittelt. Menschen in farbig gestalteten Büroräumen sind aufmerksamer und freundlicher.

Wurden Menschen mit Bildern von eckigen Dingen konfrontiert, wurden bei Gehirnmessungen Empfindungen ähnlich denen von Angst festgestellt, während dies bei der Betrachtung von runden Gegenständen nicht der Fall war.
Man fand heraus, dass in der Natur Ecken häufig mit etwas verbunden sind, das uns gefährlich werden könnte, beispielsweise Hörner oder Geweihe.

Es gibt einen evolutionären Link zu den Dingen, die uns gemeinhin Freude bereiten.
Freude ist also direkt mit unserem fundamentalen Überlebensinstinkt verbunden.

Ingrid Fetell Lee hat die Freude zu ihrer Passion gemacht und sich auf die Suche nach der Freude begeben. Der Freude in unseren Lebensräumen, unseren Wohn-, Lern-. und Arbeitsumgebungen. Der Freude in Alltagsgegenständen und Objekten, die uns umgeben. Und sie hat Spots gefunden, in denen die pure Freude im Zentrum zu stehen scheint.

Wir alle können dazu beitragen, dass es in unserer Umgebung mehr Freude gibt. 
Und wir alle können unsere Wahrnehmung für das, was uns Freude bereitet, schärfen und andere anstecken.

Mein Wort des Jahres 2019 lautet F R E U D E. 
Ostern zum Beispiel ist ein Wunderbares Fest der Farben und der Freude.













Fotos: istock, ich












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