Geht nicht zur Schule! (oder: wie es funktionieren kann)



Seit ich das Licht der Welt erblickt habe, hat sich die Welt um mich herum nahezu dramatisch verändert. Ich schätze, keine Generation hat in so kurzer Zeit so viel Innovation und technologischen Wandel erlebt wie meine. 

Internet und Smartphones waren in meiner Kindheit und Jugend Science Fiction, und Big Brother eine Zukunftsvision von George Orwell, die er in seinem Buch „1984“ aus dem Jahr 1949 veröffentlichte. Es handelt von einem totalitären Überwachungsstaat im Jahr 1984. Die Welt ist in drei verfeindete Machtblöcke unterteilt, Eurasien, Ozeanien und Ostasien. Diese befinden sich im dauerhaften Krieg miteinander. Eine allgegenwärtige Gedankenpolizei, der „Big Brother“, überwacht die gesamte Bevölkerung permanent mittels so genannten „Telescreens“, welche alle Wohnungen abhört und visuell kontrolliert.

Ich habe „1984“ ungefähr in den Achtzigern gelesen und dachte, dass die düstere Zukunftsvision von George Orwell ja wohl sehr übertrieben sei und ohnehin nie so eintreffen würde.

Heute denke ich anders darüber, denn streng betrachtet sind wir dank unserer „Smarten Welt“ heute nicht wehr weit von einer totalen Überwachung entfernt (wenn überhaupt noch), der wir uns zudem völlig freiwillig (!) aussetzen.

Die digitale Revolution hat unsere Gesellschaft unwiderruflich und tiefgreifend verändert.
Die Welt ist eine völlig andere. 

Da mutet es schon nahezu grotesk an, dass unser Schulsystem das scheinbar ohne jede größere Reform oder ohne jeden tiefgreifenden Wandel überstanden hat.

Wie kann das möglich sein? 

Die Institutionalisierung der Schule erfolgte nach und nach im 17. Jahrhundert, Schüler wurden planmäßig unterrichtet. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelten sich die ersten Ansätze des heutigen Schulsystems. Wilhelm von Humboldt und andere machten sich für die Einführung einer Elementarschule, Vorläufer unserer heutigen Grundschule stark, und Gymnasien sowie Mittelschulen wurden gegründet. Sie sollten auf ein Hochschulstudium respektive auf eine mittlere Beamtenlaufbahn vorbereiten. 
1837 wurden verpflichtende Lehrpläne eingeführt. Vormals klerikal oder privat geführte Schulen wurden verstaatlicht, und die Schulpflicht wurde eingeführt. 

Mit dem Reichsgrundschulgesetz aus dem Jahr 1920 wurde die Grundschule vereinheitlicht, so dass die Unterscheidung zwischen Schulen für Arme und Reiche entfiel. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das bis heute geltende dreigliedrige Schulsystem eingeführt und die Verwaltung an die Bundesländer übertragen. 

Die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder (KMK) wurde als überregionale Instanz für entsprechend relevante Themen gegründet. Sie hat keine gesetzgeberische Kompetenz. Die Umsetzung ihrer Erklärungen, Empfehlungen und Beschlüsse erfolgt auf Länderebene in den Parlamenten.

Schulentwicklung findet vor allem auf der Ebene der Einzelschule statt, wobei der Kontext sich auf die Beziehungen zwischen Schulleitern, Schulträger, Lehrpersonal, Eltern, Schüler und lokale Interessengruppen richtet. 
Determinierende und bestimmende Faktoren sind die Beteiligten selbst sowie staatliche Vorgaben (Erlasse, Verordnungen, Stundentafeln etc.) und natürlich die Finanzkraft der jeweiligen Länder und des Staates.

So die Kurzfassung.

Eine echte, umfassende Reform, die den gravierenden Veränderungen Rechnung trägt und neue, wissenschaftliche Erkenntnisse einbezieht, findet sich nicht. 
Einzig die Verkürzung der Gymnasialzeit von 9 auf 8 Jahre, die vorrangig aus ökonomischen Gründen eingeführt wurde, kann als tiefgreifende Veränderung aufgefasst werden.

Diese jedoch, das wissen wir, wurde in den vergangenen Jahren in den meisten
Bundesländern aufgrund massiven Drucks, vornehmlich durch Elternvertreter, nach und nach wieder abgeschafft. 

Rolle vorwärts, Rolle rückwärts.

Die G9/G8/G9-Reform gilt als ein schwarzes Kapitel im deutschen Schulwesen, das bei allen Beteiligten vornehmlich Ressourcen aufbrauchte und laut Umfragen und Statistiken vor allem eines verursachte: Stress, Krankheit, Burn Out.

Abgesehen davon ist Schule heute eigentlich noch genauso wie zu meiner Zeit. Und da gab es noch Schwarzweißfernseher von der Größe eines Kühlschranks, Wählscheibentelefone und keine CDs.

Seit Jahrzehnten sieht Schule überwiegend so aus:

Man besucht Klassen mit um die 25-30 Schülern, hat unterschiedliche Fächer bei unterschiedlichen Lehrern, die Stoff analog der jeweils für alle geltenden Kernlehrpläne innerhalb eines eng gefassten Zeitrahmens vermitteln müssen. Der Unterricht findet vornehmlich frontal statt, und die Unterrichtseinheiten sind 45-60 Minuten lang. Schulbeginn ist zwischen 8:00-8:15. Als Lern- und Lehrmedien kommen nach wie vor vorwiegend kiloweise Bücher zum Einsatz, die nicht selten soviel Gewicht auf die Waage bringen wie die Schüler* selbst, hier und da sieht man Smartboards und selten PCs/Laptops/Tablets. 
Es gibt tatsächlich noch immer Overheadprojektoren (!), die häufig zum Einsatz kommen.
An den Grundschulen drücken die Schüler* zwischen 3 (Klassenstufe 1) bis 6 Stunden täglich die Schulbank, an den weiterführenden Schulen an bis zu 9 Stunden. In einigen Bundesländern wechseln die Schüler* nach der vierten, in anderen nach der sechsten Klasse von der Grund- auf die weiterführende Schule. Viele Fächer sind so genannte Pflichtfächer, die bis zum Erlangen des jeweils angestrebten Schulabschlusses besucht werden müssen, zum Beispiel Mathematik.

Individualität kommt streng genommen nicht vor.
Alle durchlaufen mit geringfügigen Abweichungen denselben Weg.
Es gibt eingeschränkte Wahlmöglichkeiten, aber mehr Pflicht als Kür.

Alle gleich.

Auch unterliegen alle denselben Feststellungs- und Bewertungsmaßstäben.

Der Leistungsstand wird analog der Festlegungen in Ausbildungs- und Prüfungsordnungen ermittelt und berücksichtigt sämtliche im Unterricht erbrachten Leistungen wie Klausuren, mündliche Beteiligung oder sonstige (Hausarbeiten, Referate et.).
Die Leistungsbewertung der Schüler* orientiert sich an den Richtlinien und Lehrplänen und erfolgt in Noten von 1-6, wobei 1 für „sehr gut“ und 6 für „ungenügend“ steht. 

(UNGENÜGEND! Welch eine Botschaft….)

Klausuren / Klassenarbeiten bilden jeweils eine Momentaufnahme, und genau so gilt es streng genommen für die gesamte Schullaufbahn spätestens ab der Grundschule.

Während man in den Grundschuljahren vornehmlich Basics wie Lesen, Schreiben, Rechnen lernt, die sich im Langzeitgedächtnis festsetzen und Grundlage für das weitere Lernen und Leben sind, erfolgt an den weiterführenden Schulen eine Vertiefung und Spezialisierung in allen Fächern, die – fragt man Schüler* - mit jedem Jahr weniger verinnerlicht und erst recht nicht mehr Jahre später abgerufen werden können. Man lernt nur noch für den Moment der Prüfung, für die Leistungsbewertung, und kurz danach ist das Erlernte wieder gelöscht. Ein langfristiger Lerneffekt oder Wissenstransfer bleibt aus.

Der Begriff „Bulimielernen“, in Anlehnung an die Fress-Brech-Essstörung, ist entstanden und bezeichnet genau diesen Vorgang (nach Reinhard Kahl, Bildungsexperte)

Rein in den Kopf und wieder ausgekotzt.

Schule bedeutet weitgehend reines Auswendiglernen und Reproduktion von festgelegten Fakten und Informationen, die nur geringer Veränderung und Anpassung unterliegen. Praxisbezug ist kaum vorhanden.

Ist das zeitgemäß? 
Pädagogisch vertretbar? 
Wertvoll? 
Bereitet es unsere Kinder bestmöglich auf das Leben vor? 
Die Arbeitswelt?

Ich sage N E I N!

Und mit dieser Meinung bin ich nicht alleine. 

Ich bin sogar der Überzeugung, dass unsere Schulen schon lange Insolvenz angemeldet hätten, wären sie Unternehmen. Sie hätten sich regelrecht zugrunde gewirtschaftet.

Ketzerisch behaupte ich: 
Schule braucht kein Mensch. 
Bringt nix. 
Wenn ihr was Sinnvolles lernen wollt, geht nicht zur Schule!

Man stelle sich einen sechsspurigen Freeway mit lauter SUV, Vans und Porsche vor, und mittendrin eine Pferdedroschke.
Das ist Schule im Jahr 2019.

Die Herausforderungen an uns und unsere Kinder sind so komplex und dynamisch geworden, der Mensch wird immer häufiger durch Technik ersetzt, immer mehr Menschen  leiden unter Stress, Zeitmangel, mangelnder Selbstfürsorge, wie also soll Schule aussehen, wie kann sie umgestaltet werden, damit die den veränderten Anforderungen gerecht wird? 
Und was sollte Schule überhaupt leisten?

Es gibt wohl kein Geheimrezept und keine allgemeingültige Zauberformel. 
Einigkeit herrscht unter den Kritikern am jetzigen System jedoch dahingehend, dass das reine Auswendiglernen desselben Lernstoffs für alle der Individualität und Potenziale des Einzelnen* definitiv nicht gerecht wird. 

Die Begeisterung und der Lernwillen gehen zunehmend verloren, Kreativität ist selten bis nie gefragt, individuelle Talente und Begabungen werden nicht oder zu wenig gefördert oder im schlimmsten Fall nicht einmal wahrgenommen. 
Jedes Kind hat jedoch besondere Neigungen und Fähigkeiten, unabhängig von seinen Noten in Mathe, Deutsch oder Englisch. 

Unser heutiges System, und zwar nicht nur das Schulsystem, ist primär auf Anpassung und Aussortieren ausgerichtet. Der Blick richtet sich sehr stark auf die Defizite, weniger auf die Fähigkeiten des Einzelnen. Schüler, Arbeitnehmer, die Gesellschaft ist grob in Gewinner und Verlierer eingeteilt, in die, die es packen und jene, die nicht klarkommen.

Gemessen an für alle geltende gleichen Standards.

Der Mensch ist jedoch einzigartig.
Und jeder von uns kann etwas besonders gut. 
Jeder.

„Meinen“ Schülern sage ich immer, dass es niemanden gibt, der alles kann, aber es gibt auch niemanden, der nichts kann. Jeder* kann etwas. Jeder hat Talente. 
Und jeder* hat ein angeborenes Grundbedürfnis nach Wissen und Lernen.

Das derzeitige System bietet jedoch weder die Zeit, noch die Mittel oder die Struktur, um sich jedem Kind zu widmen und ihm so die Möglichkeit zu geben, sich individuell zu entfalten, zu zeigen, was in ihm steckt, sein „Ding“ zu entdecken. Es da abzuholen, wo es steht. Es zu fördern und seine angeborene Neugier zu füttern und aufrecht zu erhalten.

Allen wird exakt dieselbe Zeit gegeben, sich in denselben Disziplinen, vorrangig analytisch-kognitiv, innerhalb fest vorgeschriebener Grenzen zu messen und zu „beweisen“. 

Den einen gelingt dies, anderen weniger oder gar nicht.

Sind sie deshalb aber schlechter? Weniger fähig zu Erfolgen? Gar dumm?

Natürlich nicht!

Sie brauchen vielleicht einfach nur mehr Zeit, oder / und sie verfügen über Begabungen außerhalb der vorgeschriebenen Felder und Grenzen. So wie fast jeder Mensch auch über andere Begabungen als beispielsweise in Mathematik oder Englisch verfügt.

Skills wie Selbstbewusstsein, Fürsorge, Empathie, Kreativität, Flexibilität, Ordnungssinn, Fantasie oder Resilienz spielen im Schulalltag eine eher untergeordnete Rolle. Sie werden nicht wirklich vermittelt und sind allenfalls hilfreich, um gut oder vielleicht besser als andere klar zu kommen.

Die eigene Wahrnehmung, Reflexion und Persönlichkeitsentwicklung passieren eher zufällig und unterliegen vor allem äußeren Erwartungen oder einem privaten Umfeld.

Die Schüler*, mit denen ich arbeite, zeigen beispielsweise häufig ein enormes Defizit in der persönlichen Wahrnehmung. Ihnen wurde häufig „beigebracht“, wer sie sind, was sie können du sollen und was nicht. Eltern, Lehrer*, Mitschüler*, das System.

Diese Bewertung erfolgt in der Regel aufgrund schulischer Leistungen und Verhalten. Hier bestehen zweifelsohne Korrelationen.
Ist ein Schüler in Mathe und Deutsch „schlecht“ und schafft es nicht, seine Defizite zu beseitigen, hat er ein Stigma. Dieses wiederum sorgt dafür, dass er eine Entwertung erfährt, wie es durch Lehrer*, Mitschüler* oder / und Eltern, und die ihn in seiner Selbstwahrnehmung beeinflusst. Schüler* mit schlechten Noten sehen sich selbst häufig als Versager, Dummköpfe, Idioten. In den Schulen bleibt in der Regel keine Zeit, um sie individuell zu fördern oder näher zu betrachten, und zu Hause ist heutzutage kaum noch jemand, der sich ihnen intensiv widmen kann. Auch werden seitens der Eltern häufig von außen geprägte Erwartungen an die Kinder heran getragen, und werden diese nicht erfüllt, schlägt dem Kind Enttäuschung oder gar Wut und Entwertung entgegen.

Das System, das primär auf Leistung und Noten abzielt, hat sich in allen Köpfen manifestiert. Hast du was / kannst du was, bist du was.
Nur das Abi und ein Studium sind allgemein geachtete Abschlüsse, alles andere scheint wertlos(er) zu sein.

Und so kommt es, dass immer mehr Schüler an die Gymnasien streben, häufig auf Drängen der Eltern. Hauptschulen habe in den vergangenen Jahren eine enorme Abwertung erfahren, ebenso wie das Handwerk, eine Entwicklung, die ich per se als katastrophal erachte. Immer wieder begegne ich in Gesprächen Schülern*, die wahnsinnig Spaß am Handwerk finden, Talent dafür besitzen, und deren Eltern reflexartig die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Viel lieber sähen sie ihr Kind mit Abitur an einer Hochschule etwas „Sinnvolles“ lernen, mit dem man „etwas werden“ kann. Das meint in der Regel: Geld.

Schafft es ein Schüler* per Empfehlung nicht aufs Gymnasium, setzen die Eltern es häufig dennoch durch, dass das Kind dorthin wechselt.
Hier wird es mit Erwartungen und Anforderungen konfrontiert, denen es vielleicht nicht gerecht werden kann. Die Folge ist das, was gemeinhin als „Scheitern“ und „Abstieg“ aufgefasst wird, und das Kind erlebt eine enorme Ernüchterung, den Verlust von neu gewonnenen Freunden* und Stigmatisierung.

Schafft es ein Kind auf dem Gymnasium nicht in die Oberstufe, gilt dasselbe.

Konkurrenz, Scheitern, Versagen, Leistung, Noten, Erfolg, all das sind Begriffe, die den Schulalltag vom ersten Tag an prägen. 
Von Glück, Spaß, Zufriedenheit oder gar Freude an Schulen hört man mit jeder Klassenstufe seltener, tendenziell nie. 
Der Spaß kommt in den Pausen.

(Und später im Job dann im Urlaub.)

Lernen ist negativ behaftet. 
Lernen ist öde, langweilig, macht keinen Spaß, nervt.

So sehen es Schüler in der Regel spätestens ab Klassenstufe 3-4.

Was seltsam ist, denn bis zur ersten Klasse sind nahezu alle Kinder vom Lernen regelrecht besessen. Sie saugen alles Neue auf wie ein Schwamm und sind glücklich und begeistert, wenn sie etwas Neues gelernt haben, sie strahlen und sind stolz.

Woran liegt es also, dass das fast mit einem Schlag aufhört?

Glaubt man den Lehrern*, so liegt es häufig an den Schülern* und vielleicht noch an deren Elternhaus. Einige sehen natürlich auch den Fehler im System. 

Das Humboldt´sche Bildungsideal sollte allen den Weg zur Bildung ebnen. Bildung für alle, sozusagen. Ein guter Ansatz. Vielmehr ging es aber auch darum, das Lernen zu lernen.
Lernen haben allerdings viele nie gelernt.

Auch heute ist es Schülern* aus bildungsfernen und sozial schwachen Elternhäusern noch immer nicht in demselben Umfang möglich, nach den vorherrschenden Bildungsstandards zu „bestehen“, wie Kindern aus bildungsbürgerlichem Elternhaus. Zum einen mangelt es einigen Eltern an den intellektueller oder/und sprachlicher Kompetenz, andererseits an finanziellen Mitteln. 
Gemäß einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2016 geben Eltern in Deutschland pro Jahr rund 900 Millionen Euro (!) für die Nachhilfe ihrer Sprösslinge aus. 1,2 Millionen Schüler* zwischen 6-16 Jahren (14%) erhalten privat finanzierte oder kostenfreie Nachhilfe, vorrangig in den Fächern Mathematik, Fremdsprachen und Deutsch.
Es ist besser geworden, was den Unterschied zwischen Eltern mit und ohne Migrationshintergrund und einkommensstarken und -schwachen Haushalten angeht, jedoch nutzen noch immer mehr Eltern ohne Migrationshintergrund und mit höheren Einkommen die Möglichkeit der Nachhilfe. Zugenommen hat das Angebot und die Nutzung kostenfreier Nachhilfeangebote, vornehmlich an Schulen mit offenem oder gebundenem Ganztag.

So weit, so gut.

Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kluft zwischen Gebildeten und Abgehängten insgesamt größer wird. So belegt beispielsweise der Bildungsbericht 2018, dass von den Kindern aus Akademikerhaushalten rund 79 % studieren, aus Nichtakademikerfamilien sind es hingegen nur 24 Prozent.

Klassen werden größer, heterogener, die Aufgaben sind komplexer, Integration und Inklusion sind zu bewältigen, das Personal ist immer zu knapp und häufig nah an oder bereits jenseits ihrer Belastungsgrenze, die Schulen ebenso (speziell im ländlichen Raum), und die Ausstattung an den Schulen ist beschämend veraltet.

Es steckt sehr viel Zündstoff im Thema Bildung, und Experten sind sich lange einig, dass hier ein ganz großer Wurf nötig ist, um das System auf links zu drehen und auf stabile, zukunftsfähige Füße zu stellen.

So, wie es momentan ist, kann man jedem Kind eigentlich nur raten: Bleib zu Hause, lerne und bilde dich draußen und im Alltag, und erweitere deinen Horizont beim Reisen!

Wie aber kann es gelingen, Schule zu reformieren?

Bei kaum einem Thema herrscht auf der einen Seite so viel Einigkeit und dennoch kaum ein Konsens. 

Die einen wollen primär an die Inhalte, andere an die Struktur, wieder andere wollen die Schule gar ganz abschaffen.

Der Philosoph Richard David Precht, der Neurobiologe Gerald Hüther, aber auch Unternehmer* und Vorstandsvorsitzende wie Nicola Leibinger-Kammüller (Trumpf) oder Franz Fahrenbach (Bosch), Lehrer, Schulleiter und viele andere Experten der unterschiedlichsten Bereiche und Disziplinen äußern sich seit Jahren regelmäßig zum Thema Schule und fordern Reformen.

Der Schwerpunkt liegt bei den zahlreichen Ideen mal auf dem Ausbau der MINT-Fächer, mal auf der Änderung der Unterrichtszeiten, mal geht es um mehr Freude und mal um die Privatisierung des Schulwesens.

Die wichtigsten Fragen, die einer Reformierung voran gehen sollten, sind meines Erachtens jedoch diese:

Wo wollen wir hin?
Was wünschen wir uns für unsere Kinder?
In welcher Welt wollen wir leben?
Was wollen wir erreichen?
Wo liegt der Fokus?

Nehmen wir an, wir gehen einem Vorschlag von Franz Fehrenbach und Nicola Leibinger-Kammüller nach, die in einem Interview mit der ZEIT forderten, dass jedes Kind das Programmieren erlernen müsse, um in Zukunft ein Auskommen zu haben. Dies wollen beide erreichen, indem alle Kinder ab Klasse 5 verbindlich das Fach Informatik im Stundenplan haben (Leibinder-Kammüller), und zwar zusätzlich zu den vorhandenen Fächern. Damit das Mehr an Input von den Schülern* überhaupt noch verarbeitet werden kann, solle mehr auf vernetzten Unterricht gesetzt werden. Generell sollen die MINT-Fächer mehr in den Fokus rücken, und zusätzlich soll allen Schülern auch mehr Ökonomische Bildung angedeiht werden.
„Die der Zukunft zugewandten Fächer sollten ein Viertel des Stundenplans umfassen.“, so Franz Fahrenbach, der sich im Übrigen auch dafür ausspricht, nicht mehr so viel altes Wissen in die Köpfe der Schüler reinzuhämmern.
Diese „neuen“ Fächer sollen laut Nicola Leibinger-Kammüller nicht in Konkurrenz zu den alten Fächern stehen. Sie wünscht sich, dass Schüler* auch in Zukunft einen Text aus dem 18. Jahrhundert verstehen und Schreibschrift beherrschen.

Zwei Köpfe, eine Meinung, die jedoch, je mehr man ins Detail geht, immer weiter auseinanderrückt.

In diesem Interview, das die ZEIT mit den Zitierten im Sommer 2018 geführt hat, wird das Dilemma deutlich. Hier sitzen Zwei, die eigentlich dasselbe wollen, sich jedoch spätestens bei den Detailfragen ein Tauziehen liefern.

Und ernsthaft: Alle Schüler sollen Programmieren?
Wo ist da die Reform? Wenn wieder nur alle gleichgemacht werden sollen, und das primäre Motiv für Lernen Effizienz und Profit ist?

Gerald Hüther, der bekannte Schulkritiker, hat da ganz andere Vorstellungen.
Er geht davon aus, dass jedes Kind ein Genie ist und fordert die Abschaffung des Frontalunterrichts, der starren Lehrpläne und eigentlich des ganzen Schulsytems, da es den Kindern kaum Raum zur Entfaltung der eigenen Fähigkeiten lässt. Er setzt auf die Individualität, die Selbstverwirklichung.

Richard David-Precht hat ebenfalls konkrete Vorstellungen. Er will zum Beispiel den verbindlichen Ganztag mit Unterricht bis zum Nachmittag einführen und dafür Hausaufgaben abschaffen. Außerdem soll der Unterricht fachübergreifend und in Kooperation zwischen Lehrern und Experten, beispielswiese aus Wirtschaft und Industrie erfolgen, um einen höheren Praxisbezug zu ermöglichen.

Das Fritz-Schubert-Institut setzt verstärkt auf Positive Pädagogik und das Entwicklungskonzept Glück, das auf wissenschaftlichen Erkenntnissen unterschiedlicher Disziplinen und Projekte basiert.
Im Kern stehen hier die physische und psychische Gesundheit von Schülern und Lehrern und Chancengleichheit. Traditionelle Bildungsinhalte werden hier durch weitere Lernziele wie seelisches, körperliches und soziales Wohlbefinden ergänzt. Das Entdecken eines Sinns im Lernen und Leben, persönliche Ziele und die Förderung der Selbstverantwortung bilden die Grundlage für lebenslanges Lernen. Nach der Einführung an zunächst einer Schule und anschließender vielversprechender Evaluierung wird nunmehr seit 2010 das Schulfach Glück in über 100 Schulen Deutschlands und Österreichs in nahezu allen Schularten und Altersstufen unterrichtet.

Es gibt viele Kritiker und ebenso viele Ansätze.

Meiner Ansicht nach ist das Wichtigste, eine Reform überhaupt einmal anzustoßen, und damit meine ich nicht die Digitalisierung. 
Natürlich geschieht eine grundlegende Reform nicht über Nacht.
Ein Mehrstufenplan mit kurz-, mittel- und langfristigen Zielen muss her.

Ein aus meiner Sicht wichtiger und guter erster Schritt im Sinne der Kinder wäre zunächst die bundesweite Verlängerung der Grundschulzeit auf 6 Jahre, die zeitgleich mit Bemühungen einher gehen sollte, das Schulsystem Schritt für Schritt flexibler und durchlässiger zu machen, um Übergänge weicher zu gestalten und die Chancengleichheit zu fördern. Auf mittlere Sicht wäre ein Umbau des Systems dahingehend sinnvoll, dass das mehrgliedrige Schulsystem abgeschafft und die individuelle Förderung ausgebaut wird. Aus den einzelnen Schulformen werden Gesamtschulen, in denen die Kinder individuelle Lern- und Erfolgsziele erarbeiteten und entsprechend gefördert werden. Durch das offene System innerhalb einer Schule kann sich jeder Schüler frei und entsprechend seines Leistungs- und Anforderungsvermögens bewegen und entwickeln, ohne dass Schul- und Milieuwechsel erforderlich wären. Die Gefahr der Stigmatisierung wird minimiert, Chancengleichheit gefördert. Jede Schule verfügt über ein dichtes Netz aus Sozialpädagogen, Schulpsychologen, Logopäden und Ergotherapeuten sowie ferner über Integrations- und Inklusionshelfer, die gemeinsam mit Pädagogen und Experten für die jeweiligen Schwerpunkte im Schulbetrieb arbeiten. Der Unterricht findet nicht primär frontal, sondern praxisorientiert und fachübergreifend sowie vereinzelt extern bei Kooperationspartnern statt, um den Praxisbezug und den optimalen Wissenstransfer zu gewährleisten und langfristige Lernerfolge zu ermöglichen. Das bisherige Notensystem zur Leistungsbeurteilung gehört durch ein wertschätzendes und auf Stärken, nicht auf Schwächen ausgelegtes, die Individualität würdigendes System ersetzt.
Es ist nicht zielführend, unverantwortlich und vor allem realitätsfern, weiterhin stur darauf zu bestehen, allen Schülern 9-13 Jahre denselben Stoff einzutrichtern, allen dasselbe abzuverlangen und sie anschließend miteinander zu vergleichen. Äpfel und Birnen bleiben Äpfel und Birnen.

Was brauchen Schüler WIRKLICH, um im Leben und im Beruf bestehen zu können?
Das sollte eine Kernfrage sein.

Die Kernlehrpläne gehören demnach gründlich überarbeitet, aktualisiert und verschlankt und um ergänzende Disziplinen wie beispielsweise Ethik, Glück, Ökonomie, Philosophie und Lebensführung ergänzt, ferner müssen die Bereiche Kunst, Musik, Handwerk und Bewegung ausgebaut und individuell stärker gefördert werden, denn Feinmotorik, Kreativität und die Auseinandersetzung mit Gefühlen, Visionen, Konflikten, Traditionen und Situationen des alltäglichen Lebens stärken das Selbstbewusstsein, die Toleranz und den Charakter.
Die Resilienz der Schüler gehört ebenfalls gestärkt; kognitive und emotionale Fitness und die zwischenmenschlichen Beziehungen bilden eine elementare Basis für ein Miteinander und die eigene Resilienz.

Selbstverständlich soll das, was wir unter „Allgemeinbildung“ verstehen, nicht den Bach runtergehen. Aber das tut es auch nicht. Vielmehr geht es um eine zeitgemäße Anpassung der Inhalte und neue Wege der Kenntnisvermittlung. Das Wecken und Fördern von Interessen und der Lust an Wissen statt einschläfern und demotivieren.

Und gerade da hapert es heute erheblich, was wiederum dazu führt, dass das Allgemeinwissen leidet. Wo keine Lust am Lernen, da bleibt nix hängen, egal ob es sich um Schiller und Goethe oder um Geographie handelt.

Lehrer* tragen eine große Verantwortung und müssen daher gleichermaßen stärker gecoacht werden, als auch selbst mehr coachen denn lehren im eigentlichen Sinne.
Ihr eigenes Rollenbild ist entscheidend. Ebenso jenes, das sie hervorrufen.

Auch der Lernort, die Umgebung, in der sich Schüler aufhalten, spielt eine entscheidende Rolle beim Lernen und Verinnerlichen.
Schulen sollten daher nach und nach lernfreundlicher gestaltet werden. Farben und Formen können hier gezielt zum Einsatz kommen. Es sollte Ruhe- und Entspannungszonen, gut sortierte Bibliotheken und Mediacenter mit Lernzonen und Bewegungsareale mit entsprechendem Equipment geben.
Lern- und Entspannungstechniken wären ebenfalls eine wünschenswerte Ergänzung für den Stundenplan, ebenso wie gut ausgestattete Zonen, die der freien Arbeit dienen sollen. 

Eigenverantwortung und Freiheit stärken Ego und Gesundheit, neue Kräfte entstehen und wirken wie ein Perpetuum Mobile. Schüler, die sich ernst genommen fühlen und sich und ihre Ideen einbringen dürfen, entwickeln mehr Initiative, Ideen und Kreativität, fühlen sich wertgeschätzt und integriert und tragen freiwillig zu einer fruchtbaren Dynamik bei. Die Selbstwirksamkeit wird gesteigert.

Agilität, die in den Unternehmen mehr und mehr Einzug hält, gehört auch umso mehr an Schulen.  Hier sind die wahren Brutstätten der Kreativität, der Ideen, der Innovation. Hier liegt das größte Potenzial, die größte Chance für Erfolg und Wachstum jedes Einzelnen und der Gesellschaft. 

Die Gesundheit und Balance des Einzelnen gehört dabei in den Fokus gerückt.

Was für Schüler* gilt, sollte natürlich in gleichem Umfang auch für Lehrer* zutreffen.
Durch eine deutliche Erhöhung des Personalschlüssels, übergreifenden und Tandemunterricht, andere Lehrinhalte und Lernumgebungen, Stärkung der Persönlichkeitsentwicklung der Schüler* und Übertragung von Verantwortung reduziert sich die individuelle Belastung.
Supervision und Entspannungstechniken als feste Bestandteile auch für das Schulpersonal stärken und halten gesund.

Das alles mag wie Disneyland klingen, ist jedoch machbar und teilweise bereits Realität. An Schulen, an denen beispielsweise das Fach „Glück“ eingeführt wurde, gab es selbstverständlich Widerstand und viel Kritik. Häufig werden weiche Fächer als Esoterik-Geschwafel und Zeitverschwendung belächelt. Jedoch verbirgt sich dahinter deutlich mehr als einlullendes Gelaber. Es geht um die Entwicklung von Reflexionsfähigkeit, Motivation und Stärkung. Schüler*, die sich mit sich selbst auseinandersetzen, entwickeln und stärken ihre Persönlichkeit und Resilienz, die Sensibilität für die eigenen und die Gefühle anderer wird gestärkt. Das ganze Leben ist ein Miteinander, und die Anforderungen sind groß. Charakterstärke, Motivation und Selbstwirksamkeit sind ganz sicher nicht die schlechteste Basis, um da draußen gut klar zu kommen.

Viele beklagen eine Zunahme der Verrohung und des Mobbings. Auch hier reichen befristete Anti-Mobbing-Kampagnen und eine kurze Thematisierung im Unterricht nicht aus.
Es geht um Samen, die gesetzt werden müssen, um langfristig neue Früchte zu ernten. Kita und Schule können hier der denkbar beste Nährboden sein.

Natürlich kann man keine Wunder erwarten und erst recht nicht ist es möglich, bereits erlernte Verhaltensmuster, Mechanismen und Glaubenssätze über Nacht aufzulösen. Und auch das private Umfeld jedes Einzelnen spielt selbstverständlich eine Rolle.

Aber Nichtstun, Verharren im Gewohnten und Resignation sind die denkbar schlechtere Option, und steter Tropfen höhlt den Stein. Wenn Kinder in der Schule von einem positiven, fördernden und wertschätzenden Umfeld umgeben sind und sich mit sich auseinandersetzen, sich einbringen und beweisen dürfen, entstehen Dynamiken und Synergien.
Je eher wir ansetzen, beispielsweise im Kindergarten, desto größer ist der Effekt.

Aber wie soll all das finanziert werden?

Nun, ich denke, es gäbe durchaus verschiedene Quellen, aus denen Mittel umgeleitet oder generiert werden könnten, ist der Wille zur dringend erforderlichen Veränderung vorhanden. 

So empfiehlt Richard David Precht beispielsweise ein einkommensabhängiges Kindergeld oder die Einführung der Finanztransaktionssteuer, die meines Erachtens ohnehin längst fällig wäre.

Wo ein Wille ist, da ist auch immer ein Weg.

Nebst Geld wird noch viel Überzeugungsarbeit nötig sein, bei allen Beteiligten. Es wird Kontroversen, Auseinandersetzungen, Widerstand und Kritik geben. So ist es eben, wenn Dinge sich ändern sollen. So war es schon immer. Veränderung macht Angst und ruft bei vielen ein reflexartiges NEIN hervor. 

Aber deshalb aufgeben? Keine Option.

Es braucht mutige und überzeugte Visionäre, die die Chance und Notwendigkeit erkennen, zupacken und gemeinsam losmarschieren. 

Der Dominoeffekt, der hier auf lange Sicht entstehen kann, ist enorm, denn das, was ich bei Schülern* entdecke, finde ich glei8chermaßen bei Erwachsenen im Coaching wieder. Ein demotivierter Schüler* ohne eigenen Antrieb, ohne Ziele und Visionen wird eher ein passiver Erwachsener. Gerät der in eine Krise, beispielsweise durch Arbeitslosigkeit, kommt er von selbst häufig nicht mehr raus aus dieser Situation, da es ihm an den nötigen Skills mangelt.
Er traut sich selbst nichts zu, und ein kleiner Schlag in die Kniekehle kann den ganzen Menschen aus der Bahn werfen.

Ein Schüler*, der Schule und Lernen als etwas Bereicherndes, Positives verinnerlicht hat und der Wertschätzung erlebt und Selbstwirksamkeit trainiert hat, wird sich dies ein Leben lang bewahren, sich weiterentwickeln und seltener stagnieren oder resignieren. Er wird Misserfolge und Krisen besser bewältigen und seltener ausbrennen.

Dies wiederum wirkt sich auf die Leistungsfähigkeit, auf die Effizienz, die Wirtschaft und das Gesundheitswesen aus.

Wir alle sind grundverschieden, und es geht nicht darum, eine Elitegesellschaft zu züchten.
Aber wir sind alle Menschen mit denselben Grundbedürfnissen, die in den vergangenen Jahrzehnten immer weniger befriedigt wurden. Und das hat weitreichende Folgen. Folgen, die wir alle zu spüren bekommen. Und statt an den Symptomen herumzudoktern, müssen wir an die Wurzeln gehen.

Wir schwimmen in unseren Ruderbooten mit und lassen uns von den Wellen mitreißen, ohne zu merken, dass wir uns immer weiter vom sicheren Festland entfernen. 

Den rasanten Veränderungen um uns herum müssen wir einen Kontrapunkt, eine ebenso starke Veränderung entgegensetzen. 
Eigentlich eine ganz logische Konsequenz.

Zeit zu handeln. 

Jetzt.

Gestern.








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